Nein, wir haben weder Produkte für, noch aus Weisswedelhirschen, aber dafür eine Geschichte zu erzählen. Sie heisst, wörtlich übersetzt,

Auf den Hirsch zeigen und ihn ein Pferd nennen

(Zhi Lu Wei Ma), sinngemäss könnte man vielleicht sagen, "Einen Hirsch als Gaul verkaufen."

Es trug sich nämlich vor langer Zeit in China zu, dass der Kaiser seine Amtsgeschäfte aus Mangel an Tatkraft und Durchsetzungsvermögen weitgehend seinem Kanzler überlassenden hatte.

Dieser Kanzler wollte nun, um endgültig die Macht an sich zu reissen, herausfinden, wer unter den restlichen Beamten bei Hofe auf seiner Seite war, und wer sich ihm in den Weg stellen könnte. Also brachte er eines Tages einen Hirsch mit zur Audienz, und sagte zum Kaiser "Ehrenwerter Hochwohlgeborener etc, ich habe euch ein Geschenk mitgebracht."

"Wie nett von euch", sagte der Kaiser, "was ist es denn Schönes?" Und der Kanzler erklärte ihm, es handele sich um eines der höchst seltenen und wertvollen "Tausend Meilen Pferde." Die deshalb so hiessen, weil sie an einem Tag Tausend Meilen zu laufen imstande seien.

Der Kaiser war entzückt, jedoch gab es unter den Ministern einige, die dem Kanzler widersprachen: "Das ist doch ein Hirsch" sagten sie, "und Tausend Meilen Pferde gibt es unseres Wissens sowieso gar nicht." "Aber ja", redeten andere, "natürlich ist das ein Tausend Meilen Pferd, mein dritter Cousin elften Grades hatte auch mal so eins." Und die so redeten, wurden fortan vom Kanzler als harmlos und umgänglich, ja beinah als seine Freunde angesehen. Die aber, die ihm widersprochen hatten, liess er nach und nach durch Meuchelmorde aus dem Weg räumen. Und herrschte hinfort lange Jahre erfolgreich als Schattenregent.

Diese Geschichte ist eine von vielen, in China sehr beliebten, Chengyü Gushi (etwa Sprichwort-Geschichte.) Das sind Geschichten, die jeweils auf einem aus vier Wörtern bestehenden, einprägsamen Statement aufbauen, und die gleichzeitig die Bedeutung dieses Statements erst herleiten. In unserem Beispiel eben warum einen Hirsch als Pferd ausgeben bedeutet, jemandem ein x für ein u vorzumachen.

Nacherzählt von Nico L. Wong